Der Attersee im Interview

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Was dem Künstler und Podcaster Alexander Goebel während seines Urlaubs widerfahren ist, ist nichts für schwache Nerven. Der Attersee höchstpersönlich hat ihn zum Talk gebeten. Der Attersee als Interviewpartner? Keine leichte Erfahrung! Aber ein guter Podcaster scheut keine Konfrontation, sei sie auch noch so skurril. Und diese war in der Tat sehr skurril. 

Ich erhielt die Einladung zum Attersee-Interview in Form eines Briefes, auf geschöpftem Papier. Handgeschrieben in einer Schrift, die an Dekrete von Kaisern und Königen erinnert und aus einer vermutlich sehr teuren Feder. Er lag in meinem Rucksack unter dem Recorder, den ich immer dabeihabe. Man weiß ja nie, wem man Spannendem begegnet.


Der Brief war kurz und bündig: „Lieber Alexander Goebel, ich möchte mit dir sprechen. Es gibt viel zu sagen, lass uns einen deiner berühmten Podcasts machen. Dein Attersee.“ Ich schaute auf und sah mich vorsichtig um. Was sollte das jetzt? Ein See wollte mit mir sprechen, war das ein esoterischer Scherz? Ich vermutete irgendwo versteckte Kameras, die meine Reaktion auf diesen schrägen Brief aufnehmen sollten, zum Gaudium der immer kleiner werdenden Zahl von Fernsehzuschauern. Aber ich war allein am Ufer, niemand außer mir und eben der „Absender“ des Briefes, den ich in der Hand hielt.

 

„Wie jetzt...?“ rief ich halblaut in Richtung See, was mir sofort etwas peinlich war, so wie es wohl jedem peinlich ist, wenn man bei einem Selbstgespräch belauscht wird. Aber es war kein Selbstgespräch, ich bekam eine Antwort. Der See sprach tatsächlich zu mir und er hatte eine geile Stimme. Männlich, aber sehr zärtlich, bestimmt und doch sinnlich. „Wollen wir? Oder brauchst du noch ein paar Minuten? Ich habe Zeit“, sagte er. 

 

Ich war geschockt, ungläubig, etwas ängstlich und doch fasziniert. Mir fielen sofort einige Rausch-Experimente ein, an denen ich in den Sixties teilgenommen hatte – wissend, dass es noch nach Jahren zu sogenannten Flashback-Reaktionen kommen kann. Aber 50 Jahre später? Ich atmete tief ein, meine Augenbrauen zogen sich zusammen. Das ist immer das Zeichen, wenn es ernst wird bei mir. „Ok“, rief ich. „Ok, dann lassen Sie mal hören, was Sie so draufhaben...Sie sprechender See!“ 

 

Ich war jetzt selbst überrascht, dass ich mit dem See per Sie war, aber offenbar hatte sich mein Respekt vor der Natur und ihren Wundern sprachlich manifestiert. Ja, Sprache bestimmt Wirklichkeit, aber es funktioniert auch umgekehrt. Ich versuchte Haltung zu bewahren und schickte noch schnell ein halblautes  „...verstehst?“ hinterher. Das sollte cool und locker klingen, was mir aber überhaupt nicht gelang.

 

„Ja, ich verstehe, deshalb mach ich diesen Podcast mit dir, also reg dich ab“, antwortete der See und wurde bestimmter. „Was?“, fragte ich, schon ein klein wenig aggressiv. „Was machen Sie hier mit mir? Was soll das überhaupt?“ Ich suchte wieder die Umgebung ab. „Außerdem, ich muss sehen, mit wem ich’s zu tun habe, sonst geht das nicht.“

 

„Du siehst mich doch die ganze Zeit, du schaust mir direkt in die Augen und du weißt sehr wohl, mit wem du’s zu tun hast“, konterte der See. „Ach so...?“, rief ich zurück. „Ich weiß überhaupt nichts! Was gibt’s überhaupt zu wissen? Wer sind Sie?“

 

„Ich bin der größte See, der zur Gänze in Österreich liegt und einer der tiefsten. Egal, was man dir erzählt. Ich habe im Vergleich mehr Wasser als alle anderen, aber vor allem bin ich es, der am meisten fasziniert, ok? Klimt, Brahms, Mahler, Amerling. Und du führst auch schon seit einigen Minuten ein intensives Gespräch mit mir. Ich kann mich nicht erinnern, dass es einem anderen Menschen, hier oder irgendwo, jemals gelungen ist, mit einem See in eine ehrliche Konfrontation zu gehen, ohne dabei sein Leben zu verlieren.“

 

Diese Worte des Sees trafen mich wie ein Blitzschlag. Paralysiert, offener Mund, Augenbrauen-Krampf, rasender Herzschlag. Entweder waren das jetzt meine letzten Atemzüge, oder ich machte gerade den Podcast meines Lebens. Ich entschloss mich, intuitiv letzteres zu glauben und ging in die Offensive: „Wollen Sie mir Angst machen?“ Eine eindeutig rhetorische Frage. Der See konnte reden, also vielleicht konnte er auch riechen. Und dann hätte er längst gecheckt, dass ich die Hose voll hatte bis zum Gummizug.

 

„Unsinn! Wer sagt denn, dass ich nicht auch die Hose voll hab?“, bekam ich plötzlich zu hören. Dieser unglaubliche See konnte also auch Gedanken lesen. „Ja, kann ich, ich will aber trotzdem diesen Podcast machen, weil ich in der Tat genug zu sagen habe“, fuhr der See fort. „Und ich brauche jemanden, der auch die Eier hat, darüber zu berichten. Schaffst du das?“ Eine klare Provokation, das kommt nie gut bei mir und ehe ich überlegen konnte, hörte ich mich sagen: „Die Frage ist eher: Will ich das?“ 

 

„Natürlich willst du das! Weil du anders bist, als andere Künstler und Podcaster. Du bist eine Fehlfarbe, neugierig, fleißig, immer bereit, ins Risiko zu gehen“, bekam ich als Antwort. Ok, dieser See war richtig gut. Er wusste, was er tat und das kam bei mir gut an. Immerhin: Wenn so ein 10.000 Jahre alter See meint, dass du gut bist, dann hast du das demütig und mit entspannten Augenbrauen entgegenzunehmen. Nur das gelang mir nicht, der Argwohn ließ mich nicht los.

  

Andererseits: Wenn es denn eine Falle war, dann war sie genial vorbereitet und das allein war es schon wert, darauf einzusteigen. Also sagte ich: „Alles klar, gehen wir’s an“ und griff nach meinem Recorder im Rucksack. „Das Ding hat eh schon unser gesamtes Gespräch bis hierhin aufgenommen, ich war so frei“, meinte der See. Und plötzlich sah ich den kleinen roten Knopf leuchten. Ich schüttelte leicht verwirrt den Kopf. Dieser unglaubliche See konnte sprechen, riechen, Gedanken lesen und elektronische Geräte ohne physischen Kontakt bedienen. Was kam als Nächstes? Würde er mich zwingen, meine Füße aufzugeben, für eine riesige Flosse? Gibt’s Meerjungmänner? 

 

Egal, ich wusste sowieso, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr rauskam, also stürzte ich mich, durchaus todesmutig, in dieses überaus selt-same Abenteuer, setzte die Kopfhörer auf, richtete das Mikrofon meines sündteuren Recorders (elektronische Geräte sind die Schuhe der Männer) etwas scheu in Richtung offenes Wasser und begann mit meinem Podcast. Und beim Heiligen Neptun, was für ein Podcast es werden sollte.

 

Nachzuhören ab sofort im Web auf: https://www.youtube.com/watch?v=eDqb2NuYuaI